Adventkalender – 10. Tag

„Das Santo Bambino“, erzählte Signora Bozatti, „ist das kleine Jesuskind aus der Krippe. Und seine berühmte Statue steht in der Kirche Aracoeli. Seit Jahrhunderten heilt es die Kranken. Früher hatte es sogar eine eigene Kutsche, die Tag und Nacht für es bereitstand. War jemand schwerkrank, dann konnte er das Jesuskind bitten, ihn zu besuchen. Heute verlässt es seine Kirche nicht mehr, aber viele Menschen besuchen es und bitten es um Hilfe bei Krankheiten, bei denen kein Arzt mehr helfen kann.“

„Und wo ist diese Kirche?“, fragte Giulia aufgeregt. Die Kirchen in Stroncone kannte sie alle bei Namen. Also müsste sie den weiten Weg nach Terni machen. Zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück. Giulia beschloss sofort, dass sie am nächsten Tag die Schule schwänzen würde.

„In Rom natürlich!“, antwortete Signora Bozatti, als könnte es keinen anderen Ort für so eine wundersame Statue geben.

In Rom!

Giulia starrte Signora Bozatti mit offenem Mund an. Wie sollte sie nach Rom gelangen? Niemand in ihrer Familie war je in Rom gewesen. Rom war für Giulia genauso unerreichbar, wie Australien oder Amerika.

Einen Augenblick war sie so voller zuversichtlicher Hoffnung gewesen und jetzt war alles wieder zerstört. Sie konnte das Santo Bambino nicht besuchen und es um Gesundheit für Giovanni bitten. Sie musste sich mit der einfachen Madonna begnügen, die wahrscheinlich, auch wenn sie es wollte, gar nicht in der Lage war, ein solches Wunder zu vollbringen.

Signora Bozatti sah, wie traurig das Mädchen auf einmal wurde.

„Du könntest ihm einen Brief mit der Bitte schicken“; schlug sie tröstend vor. „Ich weiß zwar auch nicht die genaue Adresse, aber Santo Bambino, Aracoelikirche, Rom genügt bestimmt. Jeder Briefträger in Rom weiß, wo es wohnt. Da bin ich mir sicher, mein liebes Kind.“

Signora Bozatti strich Giulia nochmals über den Kopf und eilte dann ihn die Kirche.

Giulia blickte ihr verzagt nach. Einen Brief an das Jesuskind schreiben? Konnte es überhaupt lesen?

Außerdem glaubte sie nicht, dass ein Brief genügen würde. Wenn man etwas so Wichtiges wollte, musste man persönlich vorsprechen.  Man konnte nicht einfach ein paar Worte auf einen Zettel schreiben, nein man musste vor dem Santo Bambino knien, ihm persönlich von seiner großen Not erzählen und innigst um Hilfe bitten.

Aber nur ein Wunder würde sie nach Rom bringen können. Ob die Madonna wenigstens dafür geeignet war? Ob sie eine Fahrgelegenheit nach Rom für Giulia organisieren konnte?

Aber wer aus Stroncone fuhr überhaupt nach Rom? Wer?

Da fiel Giulia das Plakat ein. Der Knabenchor würde nach Rom fahren, zur Weihnachtsmette.

Gäbe es eine heiligere Zeit als die Weihnachtstage um das Santo Bambino um etwas zu bitten?

Oh, wenn sie doch nur mitreisen könnte!

Sie konnte schön genug singen, davon war Giulia überzeugt. Aber sie war eben kein Bub, nur ein Mädchen. Und ein Mädchen konnte nicht in einem Knabenchor auftreten.

„Es sei denn“, dachte Giulia plötzlich, „es sei denn, Don Pietro und der Chorleiter glauben, dass ich ein Bub bin.“

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