Adventkalender – 13. Tag

Sankt Niclaas

Nick schaute den Kapitän stumm vor Entsetzen an. Er sollte über Bord geworfen werfen? Er war doch noch ein Kind. Die Matrosen bekamen Mitleid mit ihm.
„Herr Kapitän, der Bub hat uns die Fürsprache von Sankt Niclaas vom Himmel herabgebetet.“ sagte einer von ihnen und legte seine Hand schützend auf Nick’s Schulter. Die anderen nickten zustimmend.
„Sankt Niclaas hat uns gerettet.“ murmelten sie.
Der Kapitän blickte auf seine Mannschaft und dann auf den mageren, bleichen, zitternden Buben, der, obwohl es Anfang November war, viel zu wenig anhatte.
„Wer von euch ist bereit, seine Wasserration mit ihm zu teilen?“ brummte er schließlich.
„Ich mache das.“ sagte ein älterer Seemann ruhig. Sein von der Sonne gegerbtes braunes Gesicht unter einem schwarzen Lockenkopf strahlte Ruhe aus.
„Brahim teilt Herr Kapitän. Auf ihn kann man sich verlassen“, sagten die anderen.
Der Kapitän nickte kurz. „Brahim, du kümmerst dich um den Buben. Er soll das Deck schrubben und in der Kombüse helfen. Schlafen kann er im Laderaum, und halte ihn mir vom Leib.“ befahl er.
Brahim führte Nick hinunter zum Schlafraum der Matrosen. Zwischen Kisten und Fässern waren Hängematten gespannt. Brahim verfrachtete den noch immer vor Angst und Kälte zitternden Nick in eine Hängematte und deckte ihn zu. Dann suchte er in seiner Kiste und holte eine zweite Decke heraus. Mit seinem Messer schnitt er in der Mitte ein Loch aus. Dann warf er es Nick zu.
„Das kannst du als Umhang tragen“, sagte er.
„Danke Brahim“, sagte Nick.
„Wie heißt du und woher kommst du?“ fragte Brahim.
„Ich, ich….“, Nick stotterte. „Ich komme aus dem Norden, aber ich habe im Süden gewohnt und jetzt will ich wieder nach Hause“, erklärte er schließlich.
„Aus dem Norden, in den Süden, zurück in den Norden.“ spottete Brahim gutmütig „Du bist also ein Weltenbummler.“
Nick errötete.
„Lass dich von Brahim nicht ärgern. Der meint es nicht so. Er ist doch selbst ein Moriske und kam aus dem Süden, aus Afrika und ist auf dem Weg nach Norden“ rief ein junger Matrose dazwischen.
„Ich heiße Pietro und wie heißt du?“ fragte er dann neugierig.
„Ich heiße Nick“, sagte Nick.
In den nächsten Wochen machte sich Nick nützlich und ging dem Kapitän aus dem Weg. Er freundete sich mit allen Matrosen an, aber den ruhigen Brahim und den fröhlichen Pietro hatte er ins Herz geschlossen. Stundenlang konnte er Brahim zuhören, wie er von den maurischen Städten an der Mittelmeerküste Afrikas erzählte, von den Kamelkarawanen, von den strahlend weißen Häusern und von den sagenhaften Reichtümern der Sultane.
Und Pietro, der immer zu Späßen aufgelegt war, brachte Nick zum Lachen, wenn dieser von Zeit zu Zeit sehnsüchtig an sein eigenes Zuhause dachte, das für ihn so unerreichbar weit entfernt war.
Die beiden hörten auch Nick gerne zu, wenn dieser von Sankt Niclaas aus Myra erzählte, wie er im Gefängnis gelitten hatte, wie er den armen Töchtern geholfen hatte, wie durch sein Gebet die Kornschiffe sicher den Hafen erreicht hatten.
„Das ist schon achthundert Jahre her und du erzählst es, als ob es gestern geschehen wäre und du dabei gewesen wärst.“ sagte Brahim bewundernd.
„Wir sollten das Schiff dem heiligen Bischof zu Ehren „Sankt Niclaas“ nennen. Wir kennen ihn ja durch Nick’s Erzählungen beinahe persönlich!“ scherzte Pietro und jonglierte mit Orangen, die er aus der Ladung gestohlen hatte.
Als er Nick’s beunruhigten Blick bemerkte, sagte er: „Der Kapitän hat die Orangen nicht gezählt und ich lege sie auch wieder zurück, obwohl sie köstlich schmecken. Am Dezembermarkt in Amsterdam erzielen sie einen hohen Preis. Da werden sie einzeln verkauft. Wenn die reichen Bürger wüssten, dass wir sie daheim in Spanien in Überfluss haben!“

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