Adventkalender – 5. Tag

In der Dachkammer

Nach dem Abendessen war Gaspar rasch in seiner Kammer unter dem Dach verschwunden. Er war müde. Der Gang zum Dom hatte ihn mehr erschöpft, als er zugeben wollte. Aber kaum hatte er sein Nachthemd an und sich auf das Bett gesetzt, klopfte es an der Tür.

Im selben Augenblick wurde sie auch schon aufgestoßen.

„Ich habe angeklopft, Großvater“, sagte Kaspar. „Erzählst du mir jetzt, warum der Bischof dich kennt und warum du heilige Knochen gesehen hast?“

Der alte Gaspar musste trotz seiner Müdigkeit lächeln.

„Komm“, sagte er und klopfte mit der flachen Hand neben sich auf die Bettdecke.

„Es war vor langer, langer Zeit. Ich war kaum älter, als du jetzt“, fing der alte Gaspar an zu erzählen.

„Meine Eltern waren einfache Pachtbauern. Ihr Lehensherr war der Graf Siegfried von Wied. In einem strengen Winter, als ich vielleicht 8 Jahre alt war, erkrankten sie und starben. Ich kann mich kaum an sie erinnern. Graf von Wied ernannte neue Pächter für den kleinen Hof. Für mich war kein Platz mehr dort. Er nahm mich mit auf seine Burg, und ich konnte als Stallknecht arbeiten.

Wenige Jahre später zog das Heer von König Rotbarth durch die deutschen Landen Richtung Oberitalien. Die Städte dort lehnten sich gegen ihren König auf.

Der Graf von Wied, ein Haudegen, der lieber kämpfte als seine Herrschaft zu verwalten, und Adalbert, sein jüngster Sohn schlossen sich dem Heereszug nur zu gerne an. Ich wurde dazu bestimmt Adalbert auf dieser Reise zu dienen. So verließ ich mit noch nicht einmal dreizehn Jahren meine Heimat.

Wochenlang zogen wir nach Südosten, durch riesige Wälder, über endlose Hügel und schroffe Bergpässe.

Zuerst hatte Adalbert noch geprahlt, dass er bald durch seine Heldentaten des Königs Aufmerksamkeit und Gunst erlangen würde, dass König Rotbarth ihn mit einem eigenen Lehen belohnen würde, das wertvoller wäre, als jenes seines Vater, das seinem ältesten Bruder übergeben worden war.

Aber er musste schon froh sein, dass sein Onkel Erzbischof von Köln gewesen war, und dass sein Vater und er im direkten Gefolge des neuen Bischofs und Kanzlers Rainald reisen durften.

Adalbert war kein angenehmer Herr. Er war knausrig, hartherzig  und jähzornig. Oft bezog ich grundlos Prügel. Aber ich hatte keine Wahl. Ich gehörte ihm, war sein Diener. Bei seinem Vater, dem Grafen von Wied, konnte ich mich nicht beschweren, war dieser doch felsenfest davon überzeugt, dass sein Sprössling ein guter Sohn war. Und mit seinen beiden eigenen Knechten ging er wenig besser um.

Aber, so oft es ging, stahl ich mich davon, um ein bisschen Freiheit zu genießen. Ich stromerte abends, wenn Adalbert wieder einmal zu viel getrunken hatte, durch das Zeltlager. So lernte ich Martinus kennen.“

Der alte Gaspard hielt inne und blickte versonnen.

„Weiter, Großvater. Wer war Martinus?“, drängte Kaspar, der mit großen Augen zugehört hatte. Niemals hätte er geglaubt, dass sein alter Großvater mit dem mächtigen König Rotbarth durch das Land gezogen war.

Der alte Gaspar schaute ihn das bewundernde Gesicht seines Enkels.

„Ich war nur ein armseliger Stallknecht, ein hungriger Habenichts, der eines Abends vom Duft einer Suppe angelockt wurde.

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