Adventkalender – 4. Tag

Der goldene Schrein

Der alte Gaspar stand bescheiden am Rand der kleinen Gruppe, die sich um den neuen und den alten Schrein versammelt hatten. Bischof Heinrich leitete die Zeremonie. Vorsichtig wurde der alte Schrein geöffnet. Gaspar hielt den Atem an. Ein Menschenalter war vergangen, seit er zum letzten Mal die in den Leinenbinden gehüllten Knochen gesehen hatte. Er hatte nie geglaubt, ein hohes Alter zu erreichen. Mit seinen 78 Jahren war er ein Greis, und trotzdem hüpfte jetzt sein Herz wahrscheinlich genauso aufgeregt wie das seines Enkels.

Er schlug ehrfürchtig das Kreuzzeichen, als der Bischof die Knochen der Heiligen Drei Könige in den neuen Schrein umbettete. Der Chor der Domschüler sang einen Choral.

Gaspars Augen waren auf den neuen Schrein gerichtet. Er glänzte und funkelte im dämmrigen Licht des Doms, als wäre er aus purem Gold von Gottes Engeln geschaffen worden.

„Ein Palast“, dachte Gaspar. „Ein Palast für die Könige aus dem Morgenland, prunkvoller konnten sie zu Lebzeiten nicht gewohnt haben.“ Und wenn er damals nicht gewesen wäre, würden diese drei heiligen Herrscher längst zu Staub zerfallen, unbemerkt, unverehrt von den Christen in einem Acker liegen.

Seine Augen wanderten vom Schrein weg zum Bischof. Ob dieser auch noch wusste, was Gaspar damals gemacht hatte?

Der Bischof beendete die kurze Zeremonie und wandte sich zu den Menschen hinter ihm. Sein Blick streifte nur kurz über die Tonsuren der anwesenden Priester, er blieb auch nicht bei den Stadtvätern hängen, sondern ruhte erst, als er den alten Mann entdeckte.

Wie das rote Meer vor Moses teilte sich die Menge, und der Bischof schritt durch, bis er vor Gaspar stand.

Gaspar ging mühsam in die Knie, und er war froh, als Kaspar, der immer alles um ihn herum beobachtete, mit raschen Schritten bei ihm war und ihm wieder hoch half.

„Exzellenz“, murmelte Gaspar ein wenig außer Atem von dieser Turnübung.

„Mein guter alter Gaspar“, sagte  Bischof Heinrich. „Wir wollen heute die Gelegenheit nochmals nützen, uns für die göttliche Vorhersehung zu bedanken, dass du damals zur rechten Zeit am rechten Ort warst, um die ehrwürdigen Reliquien vor den Taten des Teufels zu beschützen. Bruder Melchior aus dem Kloster Wedinghausen hat sich erlaubt, mich darauf aufmerksam zu machen. Ein tüchtiger Mann, dein Sohn.“ Gaspar lief rot an vor Freude.

Der Bischof nickte ihm freundlich zu,  hob seine Hand, und Gaspar senkte den Kopf, um den Segen zu empfangen.

Er hielt noch immer die Hand seines Enkels und spürte, wie dieser beinahe vor Neugier platzte.

Er drückte fest zu. Vor einem Bischof sollte der kleine Kaspar sich nicht durch Herumgehüpfe blamieren.

Als der Bischof seinen Segen ausgesprochen hatte, hob Gaspar wieder seinen Kopf und schob Kaspar ein wenig nach vorne.

„Mein Enkel, Exzellenz“, sagte er. „Er ist Domschüler und sehr fleißig.“

„So, so“, sagte Bischof Heinrich. „Wir werden ein Auge auf ihn haben.“ Er schob eine Hand unter Kaspars Kinn. „Werde so wie dein Großvater“, sagte er. „Er ist ein Vorbild für die Christenheit.“

Kaspar nickte eifrig.

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