Adventkalender – 3. Tag

Heilige Knochen

Der alte Gaspar hatte das Ende der Stiege erreicht und humpelte in die Küche hinein.

Anna, die Schwiegertochter stand beim Herd, auf dem eine Milchsuppe für den Mittagstisch köchelte. Am groben, blank gescheuerten Holztisch stand ein Korb mit Gemüse.

„Grüß Gott Anna“, sagte Gaspar.

„Grüß, Gott Vater“, erwiderte Anna. „Fesch schaust du aus, wie ein feiner Herr. “

Der alte Gaspar schaute an sich selbst hinunter. Der Kittel aus fein gewebtem Leinen, die braune Hose und die blankgeputzten Stiefel. Er war zufrieden mit seiner Erscheinung, und doch sah er vor sich auch den mageren Jungen, der einst in Oberitalien barfuß und im löchrigen Kittel vor dem anderen Bischof gestanden hatte.

„Hier“, sagte Anna und reichte ihm seinen Umhang aus schwerem Wollstoff. „Ich habe ihn gebürstet.“

„Danke. Und wo bleibt Kaspar? Wir müssen los. Ich kann nicht so schnell laufen.“

„Der wartet bereits draußen. Er hat es hier drinnen vor lauter Aufregung nicht mehr ausgehalten. Er hätte mir fast zwischen den Rüben auf dem Tisch getanzt.“

„Endlich“, rief Kaspar seinem Großvater entgegen, als dieser auf seinen Stock gestützt durch die Haustür auf die schmale Gasse hinaustrat. „Ich habe geglaubt, du kommst gar nicht mehr.“

Er fasste seinen Großvater bei der Hand.

„Ich habe gar nicht richtig schlafen können. Der Schulmeister hat gesagt, dass die Umbettung der Gebeine in den neuen Schrein etwas so Großartiges ist, dass wir es  nie vergessen werden. Hast du schon einmal heilige Knochen gesehen? Schauen die anders aus als die Knochen von normalen Menschen? Glaubst du sie glänzen golden?“

„Ja und nein“, antwortete Gaspar schlicht

„Ja und nein?“

„Ja, ich habe schon einmal heilige Knochen gesehen und nein, sie schauen nicht anders aus als unsere eigenen Knochen.“

„Oh“, sagte Kaspar und schwieg eine ganze Weile. Hie und da warf er einen verstohlenen Blick hinauf ins Gesicht des Großvaters, als versuchte er irgendetwas Besonderes in den vielen Falten zu entdecken.

Schließlich flüsterte er: „Wann hast du denn heilige Knochen gesehen, Großvater?“

„Das ist lange her. Sehr lange. Eine alte Geschichte.“

Von weitem hörten sie die Domglocken schlagen.

„Wir müssen uns beeilen. Sie rufen uns schon. Wir sollten nicht zu spät kommen. Für eine Geschichte haben wir jetzt keine Zeit“, mahnte der alte Gaspar und beschleunigte seine Schritte. Auch er war aufgeregt. Die heiligen Knochen. Er hatte sie nicht nur gesehen. Er hatte sie angefasst, getragen und mit seinem Leben beschützt. Und heute würde er sie noch einmal sehen können.

„Rasch, rasch“, feuerte er sich selbst an, und von seinem Stock und der Hand seines Enkels gestützt gelangten sie wenig später zur Seitentür des Domes.

Eine Wache stand davor und versperrte ihnen den Weg.

„Heute kann nicht jeder rein“, sagte dieser.

„Ich bin Domschüler.“

„Und ich habe eine Einladung des Bischofs“, ergänzte Gaspar und zeigte ihm den Brief des Bischofs.

Der Wachsoldat verneigte sich ein wenig und gab den Weg frei.
„Vor den Hochaltar“, sagte er.

Sie betraten den Dom. Als sich die Augen an die dämmrige Dunkelheit gewohnt hatten, schritten sie durch das große Schiff nach vorne zum Altar, wo sich eine Traube von Priestern und Mönchen versammelt hatte. Die Domschüler standen etwas abseits.

„Ich muss dorthin, Großvater“, sagte Kaspar.

„Dann lauf“, sagte der alte Gaspar.

Aber Kaspar blieb noch einen Augenblick stehen.

„Erzählst du mir später die Geschichte, wie du die heiligen Knochen gesehen hast?“, fragte er.

Der alte Gaspar nickte.

„Am Abend“, versprach er. „Du gibst mir sonst eh keine Ruhe, und jetzt geh an deinen Platz, bevor du die Rute des Schulmeisters spürst.“

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