Adventkalender – 2. Tag

Der Brief

Gaspar betrachtete das Siegel. Er erkannte es. Es war das persönliche Siegel des Bischofs von Köln. Schon einmal vor mehr als sechzig Jahren und unendlich weit weg von Köln hatte er einen solchen Brief in Händen gehalten. Die Erinnerung alleine ließ sein Herz plötzlich schneller schlagen.

Damals war er kaum älter als Kaspar jetzt gewesen. Damals konnte er nicht lesen. Damals war er ein einfacher Bub, ein Waisenkind das als Knecht im Tross des Heeres von Friedrich Rotbarth Unterschlupf gefunden hatte. Damals hatten all die Ereignisse und Abenteuer angefangen, die seinem Leben eine unerwartete Wendung gegeben hatten.

„Großvater, mach auf. Ich bin so neugierig!“ Kaspar zappelte vor lauter Ungeduld.

Der alte Gaspar musste unwillkürliche lächeln. „Schon einmal etwas von einem persönlichen Schreiben gehört, du kleiner Schreiberling?“

„Ach, Großvater. Ich bin doch dein Enkel“, protestierte Kaspar. „Warum schickt der Bischof dir einen Brief? Er kennt dich doch gar nicht.“

„Na, na, vielleicht hast du in der Schule etwas Dummes angestellt, das dem guten Mann zu Ohren gekommen ist. Und jetzt beschwert er sich bei mir.“

„Ich doch nicht“, rief Kaspar entrüstet. „Und wenn doch, hätte der Schulmeister Papa ein Schreiben zukommen lassen. Ein Bischof kümmert sich nicht um ein einfaches Schulkind.“

Kaspar schaute seinen Großvater an, und dieser konnte in dessen Augen ablesen, dass der Enkel sich wunderte, warum ein Bischof sich um einen einfachen, alten Steinmetz kümmerte. Es war lange her, dass der alte Gaspar jemanden etwas über seine Vergangenheit erzählt hatte. Er drehte den Brief in seinen Händen.

Kaspar hatte schon Recht, den neuen Bischof, Heinrich von Müllenark kannte er nicht.  Es hatte schon so viele Bischöfe in seinem Leben gegeben. Aber keiner der Bischöfe hatte ihn vergessen. Jeder von ihnen, ob Bischof Rainald selbst oder seine zahlreichen Nachfolger, hatten ihre schützenden Hände über ihn und seine Familie gehalten. Sie hatten Aufträge erhalten, Melchior konnte eine vielversprechende geistliche Laufbahn einschlagen, und sein kleiner Enkel Kaspar hatte einen Platz in der Domschule erhalten.

„Großvater, bitte!“

Langsam zerbrach der alte Gaspar das Siegel, faltete den Brief auseinander und las ihn. Es war eine Einladung. Der Bischof hatte sich seiner erinnert. Er, der Bub, der damals die Zerstörung der Gebeine verhindert hatte, wurde nun gebeten, an der feierlichen Übertragung der Reliquien in den neuen kostbaren Schrein des Nikolaus von Verdun teilzunehmen.

„Was steht drinnen?“ Kaspar hüpfte auf und ab, drängte sich an die Seite des Großvaters und versuchte, den Brief zu lesen.

„Das ist ja gar nicht Latein“, stellte er fest. „Schreibt denn der Bischof nicht immer in Latein?“

„Wenn er will, dass ich es lesen kann, muss er deutsch schreiben“, sagte der alte Gaspar eine Spur selbstgefällig und faltete den Brief zu, bevor Kaspar ihn tatsächlich lesen konnte.

„Ist bloß eine Einladung. Ich soll dich morgen in den Dom zu den Feierlichkeiten begleiten.“

„Aber warum? Warum ausgerechnet du?“, fragte Kaspar.

„Das ist eine lange, lange Geschichte aus alter, längst vergangener Zeit“, murmelte der Großvater.

„Ich höre gerne Geschichten.“

Aber der alte Gaspar sagte bloß: „Lauf zu deiner Mutter. Sie soll mir den Bottich mit warmem Wasser füllen. Morgen möchte ich zu Ehren unserer drei Heiligen Könige nach Seife duften.“

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