Adventkalender – 1. Tag

Der alte Gaspar

Der alte Gaspar stieg langsam die steilen Stufen der Stiege von der Dachkammer, wo er wohnte, hinunter in die Küche. So wie immer tat ihm das linke Bein beim Hinabsteigen weh. Seit dem Sturz am Ende seiner weiten Reise vor mehr als sechzig Jahren, als er sich das Bein gebrochen hatte, war es ein klein wenig kürzer geblieben als das rechte. Er hatte sich daran gewöhnt. Und obwohl es sein ganzes weitere Leben erschwert hatte, hatte er es ausgerechnet diesem Sturz zu verdanken, dass er hier in Köln bleiben durfte und das Handwerk des SÄteinmetzes  erlernen konnte. Und als Jahre später sein Meister, ein Witwer und kinderlos geblieben, bei einem Bauunglück am Dom zu Tode gestürzt war, hatte er den Betrieb und das Haus übernommen und mit dem Wohlwollen der Gilde  und der Fürsprache von Bischof Philipp vom Heinsberg weiter geführt.

Seine Frau Maria hatte ihm vier Buben und drei Mädchen geboren. Nur drei der sieben Kinder hatten das Erwachsenenalter erreicht. Magdalena, die jüngste, hatte einen Steinmetz in Aachen geheiratet, Melchior war Chorherr geworden und lebte nun im Kloster Wedinghausen bei Arnberg, das dem Domkapitel gehörte. Sein ältester Sohn Balthasar war sein  Nachfolger und Hauserbe. Mit ihm, seiner Frau Anna und den  Kindern lebte er zusammen. Maria war erst vor wenigen Monaten gestorben. Seitdem hatte Gaspar sich inmitten der großen Familie seines Sohnes alleine und verloren gefühlt.

Nur der kleine Kaspar, sein zehnjähriger Enkelsohn, hatte ihn ein wenig aufheitern können.
Der Bub lernte gut. In der Domschule war er einer der Besten.
Und Kaspar war es auch, der ihm  gestern die große Neuigkeit überbracht hatte.

Mit raschen Schritten war er nach der Schule die Stiege hinauf in die Dachkammer gelaufen, hatte die Tür aufgerissen und mit vom Laufen und der Aufregung geröteten Wangen gerufen: „Großvater, Großvater, der Schrein ist endlich fertig. Morgen werden die Könige feierlich umgebettet. Stell dir vor! Ich darf dabei sein. Und das hier ist für dich.“ – Kaspar griff unter seine Jacke. „Der  Schulmeister hat ihn mir mitgegeben. Er ist vom Bischof Heinrich persönlich.“

Kaspar streckte dem Großvater einen versiegelten Brief entgegen.
„Machst du ihn jetzt gleich auf?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.