Adventkalender – 9. Tag

Als der Arzt nach einer Woche wieder kam, ging es Giovanni schon ein wenig besser. Jetzt, wo Giulia begriffen hatte, wie krank der kleine Bruder war, tat sie alles, um ihm und Mama zu helfen. Jede Aufgabe, die die Mutter für sie hatte, machte sie ohne Murren. Und als Mama ihr ein paar Tage nach dem schrecklichen Nachmittag kurz über den Kopf strich und sie anlächelte, fiel ein riesiger Stein von Giulias Herzen. Mama hatte ihr verziehen.

Auch achtete Giulia darauf, dass Giovanni ihr nicht die besten Stückchen auf den Teller schob. Im Gegenteil, sie versuchte Giovanni geduldig zu überreden, doch noch ein bisschen zu essen, auch wenn er keinen Appetit hatte.

Der Arzt war zufrieden.

Trotzdem bestand er darauf alle zwei Wochen zu kommen.

„Wie sollen wir ihn bezahlen?“, hörte Giulia Mama zu Nonno sagen. „Wir haben noch immer Schulden beim Padrone wegen den Arztrechnungen von vor zwei Jahren, obwohl der Padrone ein Drittel von Francescos Lohn einbehält. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Und wenn Giovanni diese Operation braucht, muss ich wohl das Haus verkaufen.“

Schulden beim Padrone? Haus verkaufen? Was hatte sie alles nicht gewusst! Warum hatten Mama, Nonno und Francesco ihr das verheimlicht? Sie war doch auch schon groß, und wenn sie das alles gewusst hätte, hätte sie nicht ständig gemeckert und sich ungerecht behandelt gefühlt.

„Vielleicht“, dachte Giulia, „Vielleicht kann auch da die Madonna helfen. Ich werde ihr morgen aus den Herbstblumen im Garten und auf den Wiesen oberhalb vom Dorf einen schönen Strauß machen und ihr erzählen, dass wir ihre Hilfe brauchen.

Als Giulia am nächsten Tag den Blumenstrauß zur Kirche brachte, sah sie das Plakat wieder. In drei Tagen würden die Buben vorsingen können. Sie lächelte. Es war noch nicht lange her, da hatte sie sehnsüchtig davon geträumt, dass sie mit diesem Chor nach Rom reisen konnte, und jetzt war das nur ein belangloser Tagtraum gewesen. Wenn sie sich jetzt etwas wünschen dürfte, dann wäre es sicher nicht eine Fahrt nach Rom.

„Ach, du bist das Mädchen, das meine Rosen zur Madonna gebracht hat!“ Signora Bozatti wollte gerade in die Kirche hinein, als Giulia hinaustrat. „Und hast du ihr heute auch etwas Schönes geschenkt?“, fragte Signora Bozatti wohlwollend.

„Einen großen Blumenstrauß.“

Signora Bozatti lächelte.

„Das habe ich früher auch gemacht. Als junges Mädchen war ich unsterblich in Signor Bozatti verliebt, aber er hat mich gar nicht bemerkt, weil ich so ein schüchternes Mauerblümchen war. Da habe ich der Madonna immer Blumen gebracht und sie um ihre Hilfe gebeten. Und siehe da, sie machte mich mutig, und so habe ich Signor Bozatti beim Maifest einfach um einen Tanz gebeten. Er hat nicht abgelehnt.“ Sie lächelte versonnen. „Du bist aber noch ein wenig jung, um auf einen Burschen ein Auge zu werfen“, fügte sie dann schelmisch hinzu.

„Es ist nicht für mich, sondern für meinen Bruder. Er ist schlimm krank und die Madonna soll ihm helfen wieder ganz gesund zu werden“, erklärte Giulia

„Schlimm krank?“, fragte Signora Bozatti. „Doch nichts Ansteckendes?“ Sie trat einen Schritt zurück.

Giulia schüttelte den Kopf.

„Sein Herz ist krank, so krank, dass es plötzlich stehenbleiben kann“, sagte sie leise. „Aber mit dem schönen Blumenstrauß wird die Madonna mir helfen. Oder?“

Signora Bozatti schien großes Vertrauen auf das Wirken der Madonna zu haben. Giulia schaute sie erwartungsvoll an. Aber diese antwortete nicht sofort, sondern dachte eine ganze Weile nach.

Bedächtig schüttelte sie schließlich den Kopf.

„Ein schwerkrankes Kind, das Herz noch dazu“, murmelte sie.

Giulia nickte beklommen.

Konnte etwa nicht einmal die Madonna Giovanni helfen?

„Weißt du“, sagte Frau Bozatti, „unsere Madonna ist herzensgut und hat schon Vieles hier bei uns bewirkt, die Zahnschmerzen von Signora Farnelli verschwanden über Nacht, nachdem sie der Madonna drei Wochen lang täglich frische Blumen gebracht hatte, und die Gicht von Signor Belluno wird jedes Mal auch wieder ein bisschen besser, wenn er der Madonna Kerzen anzündet. Aber sie ist halt nur eine einfache Madonna vom Land. Für so einen wichtigen Wunsch, wie du ihn hast, ist es besser weiter oben zu bitten.“

„Weiter oben?“, fragte Giulia. Sie hatte geglaubt, dass die Madonna die höchste Heilige war, die es gab.

Signora Bozatti nickte.

„Du solltest deine Bitte dem Santo Bambino vortragen, dem heiligen Jesuskind. Es kümmert sich besonders um die Kranken. Und wer kann ein größeres und mitfühlenderes Herz für ein kleines krankes Kind haben als es!“

„Dem Santo Bambino?“

„Du kennst es nicht?“

„Nein.“

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