Adventkalender – 3. Tag

Stroncone ist eine kleine Stadt und besteht aus einer Gruppe eng zusammengedrängter Häuser auf einem Hügelrücken, rundherum in kleinen Dörfern liegen Höfe mit steinigen Feldern. In Coppe, einem dieser Dörfer, wohnte Giulia. Wenn sie aus dem Wohnzimmerfenster sah, konnte sie die Ebene unterhalb des Hügels übersehen. Dort lag der Gutshof des Padrone mit dem großen Olivenhain, den goldgelben Weizenfeldern und den Obstgärten mit Orangen- und Zitronenbäumen. Mitten drinnen erhob sich, wie eine Hochzeitstorte auf einem übervoll beladenen Tisch, das prächtige, weiße Haus.

Hinter dem Gutshof fing Terni an, die große Stadt, wo Giulias Mama täglich neue schmutzige Wäsche holte.

„Oben am Hügel“, sagten die reichen Stadtleute, „weht immer ein frischer, sauberer Wind, der unsere Wäsche duften lässt. Dort gibt es keine Fabrikschlote, die ihre schmutzigen Rauchwolken in den Himmel pusten.“

Jetzt aber musste Giulia nicht den Hügel hinunter, sondern ihn ein Stück entlang laufen, um nach Stroncone zu gelangen. Sie beeilte sich nicht. Es war noch lange nicht Abend. Und sie wusste, dass Mama noch hundert andere Aufgaben für sie finden würde, wenn sie das Mehl geholt und den Pastateig zubereitet hatte. Nein, Giulia ließ sich Zeit. Sie schlenderte zuerst über die Feldwege  und dann die schmalen Gassen von Stroncone hinauf. Sie blieb stehen, um eine kleine, magere Katze zu streicheln, die sich hungrig an ihren Beinen rieb. Sie pflückte eineRose, von einem Strauch, der es geschafft hatte, an einer sonnigen Ecke entlang einer Mauer zu wachsen, und fühlte sich ertappt, als Signora Bozatti, der das Haus gehörte, von ihrem Fenster aus ein böses, zischendes Geräusch machte.

„Ist nicht für mich“, erfand Giulia schnell eine Antwort, „Ich bringe sie zur Kirche und stelle sie der Madonna hin.“

Signora Bozattis grimmiges Gesicht glättete sich.

„Nimm eine zweite Blüte mit, nein gleich drei“ ,sagte sie. „Und sage der Madonna, dass es die Rosen von Aurelia Bozatti sind. Du bist ein gutes Mädchen.“

So kam es, dass Giulia den Einkauf noch ein wenig aufschob und zur Kirche lief. Sie öffnete die schwere Holztüre und betrat die dämmrige, kühle Kirche. Sie wollte schon nach vorne zur Madonna laufen, als sie auf der Holztafel beim Eingang ein Plakat mit einer Krippe entdeckte.

Sie blieb überrascht stehen. Es war Anfang September. Warum hatte der Pfarrer jetzt schon ein Plakat für Weihnachten aufgehängt? War er mit der Zeit durcheinander gekommen? Er war schon ziemlich alt, und wenn er, was selten passierte, weil ihm der Weg zu beschwerlich war und er lieber den jungen Kaplan schickte, die Messe im Dorf las, schlug er die falschen Stellen im Messbuch auf und fing dann an, hektisch zu blättern, bis der Lehrer ihm das Messbuch aus der Hand nahm und die richtige Seite für ihn aufschlug.

Aber so durcheinander, dass man Anfang September glaubt, dass der Winter da ist, konnte auch Don Pietro nicht sein.

Giulia las die wenigen Zeilen auf dem Plakat: „Der Knabenchor der San Nicola Kirche ist ausgewählt worden, um heuer im Petersdom in Rom die Weihnachtsmette zu singen. Knaben ab zehn Jahren können sich am 19. September um 17 Uhr bei einem Vorsingen in der Kirche für einen Platz im Chor bewerben.“

Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung.

„Eine solche Ehre“, dachte sie. „Eine solche Ehre für so eine kleine Stadt. Das ist wie ein Wunder.

Das stand auf dem Plakat. Giulia betrachtete die Weihnachtskrippe und träumte mit offenen Augen, wie sie mit dem Chor mitreiste, wie sie im Petersdom, der schönsten Kirche auf der Welt, direkt neben dem guten Papst stand und sang.

Es war alles so wunderbar in ihrem Tagtraum. Der Papst lächelte sie an, er legte sogar seine Hand auf ihren Kopf.

„Du hast eine Engelsstimme, kleines Mädchen“, sagte er gütig.

Und da zerplatzte der Tagtraum. Niemals würde der Papst so etwas sagen. Denn stand nicht deutlich genug auf dem Plakat, dass der Knabenchor ausgewählt worden war? Es gab überhaupt keinen Mädchenchor in Stroncone. Mädchen sangen keine Messen in der Kirche. Das gehörte sich nicht.

Nein, er würde einen kleinen Buben aus Stroncone anlächeln und segnen.

„Das ist“, dachte Giulia, „eigentlich genau so ungerecht, wie die Tatsache, dass Mama immer nur mich arbeiten lässt. Immer sind die Buben besser dran. Ich wette, wenn Giovanni schön singen könnte, und Mama von dem Plakat hier wüsste, würde sie Giovanni im Chor anmelden. Das wäre bestimmt nicht zu anstrengend für ihn, würde Mama sagen. Aber Giovanni kann nicht singen und Francesco hat einen Frosch im Mund, der heiser quakt, sogar wenn er spricht. Aber meine Stimme ist schön. Papa hat immer gelächelt, wenn ich für ihn gesungen habe. Er hat gesagt, dass ich jede Müdigkeit aus seinen Knochen wegsingen kann.“

Giulia warf dem Plakat einen gekränkten Blick zu und marschierte dann nach vorne zur Madonna. Sie stellte die Rosen in die Vase zu ihren Füßen, schlug rasch ein Kreuz und sagte: „Ich wette, du findest es auch ungerecht. Kannst du da nicht mal was dagegen machen? Bestimmt hat dich deine Mama, die heilige Anna, nicht immer schuften lassen, als du klein warst. Und ich bin mir auch sicher, dass keiner was dagegen hätte, wenn du im himmlischen Chor mitsingen würdest“

Sie schlug nochmals ein Kreuz und fügte hinzu: „Die Rosen sind übrigens von der Signora Bozatti. Aber ich habe mir die Mühe gemacht, sie zu pflücken und zu dir zu bringen. Vielen Dank, wenn du etwas gegen all diese Ungerechtigkeit machst.“

Sie nickte der Madonna zu und rannte dann aus der Kirche.

Die Uhr auf dem Campanile, dem Glockenturm neben der Kirche, schlug fünf.

Bald würde Mama auf ihr Rad steigen, um die Wäsche zu liefern. Francesco würde noch nicht zu Hause sein.

„Das“, beschloss Giulia, „ist die Gelegenheit, um mit meinem Trainingsprogramm für Giovanni anzufangen. Während ich den Pastateig mache, muss er einen Kübel voll mit Unkraut jäten. Vorher darf er sich nicht setzen.“ Es war ein plötzlicher Einfall, bestimmt hatte ihr die Madonna diese Eingebung geschickt.

Giulia schenkte sich selbst ein zustimmendes Lächeln. Ja, in ein paar Wochen, spätestens bis Weihnachten, würde Giovanni ein fleißiger, kleiner Bub sein, und Mama würde sich freuen, und wenn Giulia ihr dann von ihrem Trainingsplan erzählte, würde sie lächeln und sagen: „Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin! Was für ein schlaues Mädchen habe ich doch.“

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