Adventkalender – 24. Tag

Als Giulia mit den Buben und dem Chorleiter nach der Mette gemeinsam den Petersdom verließen, warteten Reporter draußen und machten Fotos. Giulia versuchte, sich hinter Simone zu verstecken, aber einer der Reporter entdeckte sie und rief: „Da ist doch auch das Mädchen.“ Und ein anderer: „Dass ein Kind und nicht der Papst das Jesuskind zur Krippe trägt, ist etwas ganz Neues. Das hat es noch nie gegeben. Wie ist es dazu gekommen?“

Giulia wollte am liebsten davonlaufen, aber Simone gab bereitwillig Antwort. Er war stolz auf Giulia und auch auf sich selbst.

„Giulia ist mit uns nach Rom gekommen, um das Santo Bambino zu bitten, dass es das Herz ihres kleinen Bruders gesund macht. Der Papst hat davon gehört und Giulia gebeten, das Jesuskind zu halten und zur Krippe zu tragen.“

Das war eine sehr gekürzte und nicht ganz richtige Darstellung der Ereignisse, aber die Reporter waren zufrieden damit. 

Am nächsten Vormittag fuhren sie mit dem Bus zurück nach Stroncone. Der Chorleiter hatte sich für die Fahrt eine Zeitung gekauft und entdeckte darin ein großes Foto von Giulia, wie sie neben dem Papst stand und das Halleluja sang. Die Schlagzeile darüber lautete: „Ein kleiner Engel singt für seinen kranken Bruder.“

Als Giulia am Nachmittag Zuhause ankam, traute sie sich kaum, die Haustür aufzumachen. War Giovanni wirklich gesund geworden? Hatte das Santo Bambino geholfen?

Schließlich fasste sie Mut und ging hinein. Im Wohnzimmer stand der kleine geschmückte Weihnachtsbaum und daneben in seinem Sessel saß Giovanni. Er sah so müde und blass aus wie immer.

„Du bist noch krank?“, fragte Giulia enttäuscht. „Es hat also nichts genützt?“

Giovanni lächelte.

„Doch, doch“, sagte er. „Heute zu Mittag war der Herr Doktor da und hat gesagt, dass ich diese Operation brauche und dass gleich nach Weihnachten ein Krankenwagen kommt und Mama und mich den ganzen weiten Weg nach Rom fährt in ein großes Krankenhaus. Dort wird mich ein Arzt operieren und mein Herz gesund machen.“

„Eine Operation, aber das können wir doch nicht bezahlen“, stammelte Giulia erschrocken. „Mama müsste das Haus verkaufen.“

„Nein“, sagte Nonno ruhig. „Das muss sie nicht, denn in Rom hat gestern in der Weihnachtsmette ein kleines Mädchen mit einer wunderschönen Stimme gesungen. Wir haben es im Radio gehört. So schön sang das Mädchen, dass darüber in den Zeitungen geschrieben wurde. Ein berühmter Herzchirurg war in der Mette und hat dich gehört. Und er hat heute Früh die Zeitung gelesen. Da hat er gewusst, was er zu Weihnachten dem Santo Bambino eigentlich schenken sollte.“

„Wirklich?“ Giulia konnte es kaum glauben. Sie schaute ihre Mutter an.

„Es ist wahr“, sagte diese froh. „Er hat unseren Arzt angerufen und ihn gebeten, alles zu regeln, damit Giovanni gleich im Jänner nach Rom kommen kann.

„Und eine Schwester aus dem Gästehaus hat beim Pfarrer angerufen“, ergänzte Francesco, „und Mama ein Zimmer angeboten, solange sie es braucht.“

Giulia spürte, wie sie froh und froher wurde und dann, als Mama sie auf den Schoß zog und fest in die Arme schloss, glaubte sie vor Glück zu platzen.

„Niemand“, sagte sie, „kann an diesem Weihnachtsfest glücklicher sein als wir.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.