Adventkalender – 23. Tag

Giulia wusste nicht, wie es Monsignore van Velden gelungen war, in so kurzer Zeit ein passendes weißes Kleid zu finden und ein Kränzchen für das struppige, kurze Haar.

„Mit dem Kränzchen schaust du wieder wie ein Mädchen aus“, sagte der Monsignore und er zeigte ihr, wo das Jesuskind lag, wohin sie sich setzen sollte – auf einen kleinen Sessel hinter dem Knabenchor – und erklärte ihr ganz genau, wann sie mit dem Jesuskind nach vorne zum Papst gehen und wo sie sich hinstellen sollte.

„Und“, sagte er zum Schluss, „da hinter dem Knabenchor kann keiner dich sehen.  Du kannst also ruhig auch bei den anderen Liedern mitsingen. Wir müssen es dem Papst ja nicht auf die Nase binden. Und deinen Chorleiter würde es sehr beruhigen. Nachdem er den ersten Schock, dass du kein Knaben- sondern ein Mädchensopran bist, überwunden hatte, tat es ihm Leid, dass du nicht mitsingen kannst. Er mag deine Stimme sehr. Ich glaube, es wird ab jetzt in Stroncone einen gemischten Kinderchor geben.“

Und jetzt war die Lesung zu Ende. Giulia verließ ihren kleinen Sessel, holte das Jesuskind und ging, so würdig sie konnte, mit ihm in den Armen nach vorne und stellte sich neben den Papst.

Johannes XXIII schaute kurz zu ihr, nickte freundlich und stimmte dann das Halleluja an. Der Chor fiel ein und auch Julia fing an zu singen. Sie gab ihr Allerallerbestes, und als die Stelle kam, wo ihr Sopran über allen schwebte, hatte sie das Gefühl, dass ein Engel mit ihr hinaufflog bis in die Kuppel, und als der letzte Ton des Hallelujas verhallt war, lag eine freudige Stille über allen Menschen im Petersdom.

Der Papst lauschte einen Moment und sagte dann: „Heute in der stillsten und schönsten Nacht des Jahres ist in Betlehem ein Kind, ein Santo Bambino geboren. Ein Kind, das einmal  Traurige trösten, Verzweifelte ermutigen und Kranke heilen wird. Ein Kind, dem wir all unsere Sorgen und Sehnsüchte mitteilen können. ….“

Kranke heilen! Giulia betrachtete das Jesuskind in ihren Armen und dachte an Giovanni.

„Bitte, bitte“, betete sie, „lass ihn heute Nacht gesund werden.“

Als der Papst seine Predigt beendet hatte, beugte er sich zu Giulia und sagte leise: „Sieht es nicht ganz so aus, als würde es friedlich und vertrauensvoll in deinen Armen schlafen? Wir wollen es nicht wecken und gehen gemeinsam nach hinten zur Krippe.“

Und so kam es, dass in dieser Weihnachtsmette, ein alter Papst und ein kleines Mädchen mit viel zu kurzen Haaren gemeinsam durch den langen, langen Mittelgang nach hinten schritten, wo Maria, Josef, die Hirten und die Schafen schon im Stall auf das Kind warteten. Die Menschen wandten sich ihnen zu. Hie und da blitzte das grelle Licht einer Kamera auf. Beim Stall nahm der Papst behutsam das Jesuskind aus Giulias Armen und bettete es in die mit Stroh gefüllte Krippe.

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