Adventkalender – 21. Tag

Johannes XXIII schwieg.

Giulia wusste, dass sie nun reden musste.

„Sie dürfen dem Chorleiter nicht böse sein“, flüsterte sie, „Der ahnt nichts davon. Nur Simone und die Klosterschwester vom Gästehaus wissen es. Sie dürfen ihnen aber auch nicht böse sein. Ja, und Nonno daheim und natürlich Giovanni wissen es auch. Aber ihnen dürfen Sie genauso wenig böse sein.“

Sie schaute den Papst an. Der nickte. Das gab Giulia den Mut fortzufahren.

„Giovanni ist mein kleiner Bruder. Er ist sehr krank und ich war schuld daran, dass seine Krankheit noch schlimmer wurde. Der Arzt sagt, dass sein Herz jederzeit zu schlagen aufhören kann. Ich habe der Madonna einen Blumenstrauß gebracht. Aber Signora Bozatti meinte, dass meine Bitte für die Madonna vielleicht zu schwierig sei. In unserer Kirche ist sie nur eine einfache Holzstatue, wissen Sie. Und Signora Bozatti kennt sich damit aus. Sie meinte, ich sollte dem Santo Bambino in Rom meine Bitte vortragen, weil dieses sich ganz besonders um die Kranken kümmert und schon so oft geholfen hat.“

Giulia schaute wieder auf. Wahrscheinlich redete sie viel zu lange. Der Papst hatte doch gar keine Zeit. Aber Johannes XXIII war ganz aufmerksam.

„Ja, das weiß ich“, sagte er leise.

„Also, Signora Bozatti schlug vor, dass ich dem Santo Bambino einen Brief schreiben sollte, der bestimmt ankommen würde, weil jeder Briefträger in Rom weiß, wo es wohnt. Aber da musste ich auf einmal an das Plakat bei uns in der Kirche denken. Sie haben für den Knabenchor wegen der Weihnachtsmette im Petersdom noch Sänger gesucht. Und da…“. Sie zögerte. „Und da beschloss ich, dass ich mich als Bub verkleide und vorsinge. Ich habe sogar meine schönen Zöpfe abgeschnitten, und alle haben mich als Läusemädchen verspottet. Der Chorleiter hat mich gewählt und so, so bin ich nach Rom gekommen.“

Giulia stockte.

„Und du warst beim Santo Bambino?“, fragte der Papst.

„Ja, der Priester hinter Ihnen hat Simone und mir den Weg erklärt und uns einen Stadtplan geschenkt.“

„Aha“, der Papst drehte sich kurz um und winkte den großen blonden Priester zu sich.

„Sie haben diesem Kind geholfen, Monsignore van Velden?“, fragte er.

Der Priester lächelte.

„Der Bub hat das Santo Bambino aufgesucht, um für seinen kranken Bruder zu bitten.“

„Ja“, sagte der Papst und ein kleines fast unsichtbares Schmunzeln erschien auf seinen Lippen. „Nur dass der Bub ein Mädchen ist. Und sie mir jetzt alles gebeichtet hat.“

Der große Priester machte den Mund auf und schloss ihn wieder.

„Ich möchte so gerne mitsingen“, flüsterte Giulia eindringlich. „Ich habe dem Santo Bambino versprochen, dass ich mein allerbestes für es gebe. Und ich singe ganz hoch und da gibt es eine Stelle im Halleluja, wo meine Stimme ganz alleine über allen anderen schwebt. Wenn das fehlt …“

„Im Knabenchor mitsingen?“, sagte der Papst. „Ein Mädchen.“

„Es weiß ja fast niemand. Und wenn alle den Mund halten, …“ Sie hört auf, denn auf einmal schaute der Papst ganz streng.

„Du meinst, ein Papst soll eine Lüge verheimlichen?“, fragte Johannes XXIII. „Das geht doch nicht.“

Giulia lief rot an und biss sich auf die Lippen.

Nein, das ging wirklich nicht. Ein Papst musste immer ehrlich sein.

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