Adventkalender – 6. Tag

Im Gefängnis

Nick irrte durch die Stadt. Die Häuser wirkten vertraut, und doch schienen sie anders zu sein als am Vortag. Wie konnte Nikolaos Onkel vor zwei Jahren gestorben sein, wenn er ihn gestern noch gesehen hatte? Wie konnte Nikolaos als Kind zum Bischof gewählt worden sein?
Nick kam zu dem Schluss, dass diese neue Dienerin verrückt sein musste.
Dann saß vielleicht Nikolaos gar nicht im Gefängnis? Aber die Dienerin hatte eindeutig große Angst gehabt, und sie hatte geweint. Nick beschloss, das Gefängnis zu finden und vorsichtig nachzufragen.
Das Gefängnis befand sich im Keller des Stadtpalastes, in dem der Statthalter residierte. Soldaten bewachten das Eingangstor. Nick blickte unschlüssig zu ihnen hinüber.
Er könnte einfach hingehen und nach Nikolaos fragen. Aber was würde dann passieren? Wenn Nikolaos wirklich im Gefängnis saß, weil er Christ war, würden sie ihn vielleicht auch verhaften.
Ein Bäcker kam mit seinem Handkarren auf den Platz. Der Karren war schwer beladen mit zwei Körben voll Brot. Unauffällig ging Nick neben dem Fahrzeug her. Der Bäcker stellte den Wagen vor dem Tor ab und ging auf die Soldaten zu.
„Das Brot für die Gefangenen“, meldete er.
Die Soldaten nickten und deuteten ihm, den Wagen durch das Tor in den Innenhof zu ziehen.
Nick nahm all seinen Mut zusammen, und als der Bäcker an dem schweren Karren zog, schob er selbst von hinten an. Der Bäcker drehte sich erstaunt um. Als er den hilfsbereiten Buben sah, nickte er freundlich. Nick lächelte zurück. Gemeinsam rollten sie den Wagen in den Hof, vorbei an den Soldaten, die Nick nicht beachteten.
Nick seufzte erleichtert.
„Danke“, sagte der Bäcker. „Wenn du mir auch noch hilfst die Brotkörbe hinunter in den Keller zu den Gefangenen zu tragen, bekommst du nachher ein Brot. Du schaust so aus, als ob du großen Hunger hättest.“
Nick nickte kurz und zerrte einen Korb vom Wagen herunter. Er folgte dem Bäcker durch einen Gang zur Kellertreppe. Auch vor dem Eingang zum Keller stand ein Soldat. Dieser ging bereitwillig zur Seite.
„Heute hast du einen Helfer wie ich sehe, Stephanus“, brummte er.
„Jeder, der für einen Bissen Brot bereit ist, hart zu arbeiten, ist mir willkommen“, antwortete der Bäcker. Stufe für Stufe trug er den schweren Korb die Treppe hinunter. Nick ging ihm vorsichtig nach.
Unten angekommen konnte Nick im Halbdunkel einen langen Tunnel erkennen. Die Luft war verbraucht und stank. Er kniff sich die Nase zu und folgte dem Bäcker in die Finsternis hinein. In den modrigen Seitenwänden des Tunnels waren vergitterte Türen. Dahinter konnte Nick kleine Zellen sehen, in denen Menschen an der Wand lehnten oder auf Stroh lagen. Die meisten Zellen hatten hoch oben ein kleines Lichtloch in der Wand. Einige aber waren stockfinster.
„Du wirfst in jede Zelle auf der rechten Seite ein Brot“, befahl der Bäcker.
Nick tat, wie ihm geheißen war. Die Brote waren so klein, dass er sie leicht zwischen den Gitterstäben durchreichen und den wartenden Gefangenen in die hungrigen Hände drücken konnte. Nikolaos war nicht unter ihnen.
Als er die letzte Zelle erreicht hatte, eine stockfinstere Zelle, hatte er noch zwei Brote im Korb.
Ich könnte diesem Gefangenen zwei Brote geben, überlegte Nick.
Er schob die zwei Brote zwischen den Gitterstäben in die Hände des Gefangenen. Das Gesicht konnte er im Dunklen nicht erkennen.
„Danke“, sagte eine freundliche Stimme. „Ich danke dir, aber gib das zweite Brot der Frau in der ersten Zelle. Sie heißt Lydia und erwartet ein Kind. Sie braucht es mehr als ich.“ Der Gefangene drückte das Brot zurück in Nick’s Hände.
Der Mann schien die anderen Gefangenen zu kennen. Seine Stimme war so gütig, dass Nick ihn nach Nikolaos fragen wollte.
Aber bevor er den Mund aufmachen konnte, rief der Bäcker unwirsch nach ihm.
„Bist du noch nicht fertig? Komm schon oder willst du hier bleiben?“
Nick rannte nach vorne. Bei der ersten Zelle blieb er stehen.
„Ich komme gleich“ rief er. Die junge Frau stand noch am Gitter.
„Das ist für Sie“, flüsterte Nick ihr zu und reichte ihr das letzte Brot.
„Für mich?“, fragte die Frau überrascht.
„Der Mann in der letzten Zelle hat gesagt, ich soll es Ihnen geben.“
„Bischof Nikolaos. Er ist ein guter Mensch“, murmelte die Frau und drückte das Brot an sich.
„Bischof Nikolaos“, rief Nick mit unterdrückter Stimme. „Ich muss…
„Du musst gar nichts“, sagte der Bäcker und zerrte ihn fort.
„Das Gefängnis ist ein gefährlicher Ort, auch für Kinder. Ein falsches Wort und man bleibt dort unten.“ mahnte er Nick, als er ihm draußen auf dem Platz vor dem Palast das versprochene Brot gab. „Und jetzt scher dich fort“.

2 Gedanken zu „Adventkalender – 6. Tag

  1. Wieder habt ihr eine großartige und spannende Geschichte gefunden – danke.
    Ich wünsche euch allen eine schöne Adventzeit.
    Liebe Grüße
    Bernhard

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