Adventkalender – 3. Tag

Ein neuer Freund

Nick ging ein Weilchen auf der staubigen Landstraße entlang. Kein Verkehr kam ihm entgegen, nicht einmal ein Traktor, obwohl links und rechts immer wieder erntereife Kornfelder waren.
Ich wollte, es würde einmal um die Kurve gehen, dachte Nick. Doch die Straße war schnurgerade, so weit er sehen konnte. Nur vereinzelt wuchsen Bäume am Wegesrand. Als Nick vom Wandern die Füße wehtaten, setzte er sich in den Schatten eines knorrigen Feigenbaumes. Die Feigen waren reif, und um seinen Durst zu stillen, wollte er eine Frucht pflücken. Er griff zwischen den Ästen nach den Feigen und sah auf einmal ein paar Füße baumeln. Ein Bub, nur wenig älter als er selbst, ließ sich aus dem Baum zu Boden fallen.
Er war mager. Sein gebräuntes Gesicht wirkte blass und um seine geröteten Augen hatte er dunkle Ringe. Trotzdem lächelte er.
„Servus, ich bin Nikolaos.“, sagte er freundlich und reichte Nick die Hand.
„Ich, bin Nick“, rief Nick erleichterte.
„Servus, Nick“, sagte Nikolaos. Dann griff er zwischen die Äste und zog einen Leinenbeutel hervor. Er öffnete den Beutel und holte ein großes Stück Brot heraus. „Möchtest du zu den Feigen ein Brot essen?“, fragte er freundlich.
Nick nickte hungrig. Nikolaos brach das Brot in zwei Stücke. Bald saßen beide im Schatten des Baumes, kauten am Brot und aßen die saftigen Feigen dazu.
„Wohin gehst du, Nick?“ fragte Nikolaos schließlich.
Nick überlegte. Wie sollte er das erklären?
„Ich bin auf dem Weg nach Hause“, sagte er und das stimmte auch irgendwie.
„Nach Hause“, wiederholte Nikolaos so sehnsüchtig, dass Nick ihn verwundert anschaute.
„Nikolaos, hast du kein Zuhause?“ fragte er behutsam.
Nikolaos nickte. „Ich habe schon ein Zuhause bei meinem Onkel. Er ist ein guter Mann. Ich wohne bei ihm in Myra.“
„Und deine Eltern?“
„Ich bin der Sohn von Epiphanes aus Patara“, sagte Nikolaos und es klang so, als ob er erwartete, dass jeder wissen müsste, wer das war.
„Wer ist Epiphanes?“ fragte Nick.
Nikolaos schaute ihn überrascht an.
„Du musst von sehr weit herkommen, wenn du nicht weißt, wer Epiphanes war“, meinte er dann und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen.
„Ich komme vom Norden“, antwortete Nick vage.
„Vom Norden? Dort wo die Barbaren wohnen? Wohl von jenseits der Danubius?“ scherzte Nikolaos.
Danubius, das musste der lateinische Name für die Donau sein, dachte Nick. Es war seltsam, dass Nikolaos lateinische Wörter verwendete und er ihn trotzdem verstehen konnte.
Nick dachte an die Münze mit der Inschrift Caesar und an das lange Hemd, das Nikolaos und er trugen. Konnte es vielleicht sein, dass er nicht nur geographisch an einem anderen Ort gelandet war, sondern auch historisch?
Er versuchte sich an den letzten Test über die Geschichte Wiens zu erinnern. Wie hieß nur der lateinische Name für Wien? Plötzlich fiel es ihm wieder ein.
„Ich komme aus Vindobona“, erklärte er.
Nikolaos fielen fast die Augen aus dem Kopf. Wie konnte ein Bub alleine vom Ende der Welt hierher gereist sein? Er hatte doch nur einen Scherz gemacht. Nicht einmal sein Vater, der große und reiche Händler Epiphanes, war auf seinen Handelsschiffen weiter als Venetia gereist.
„Du musst unbedingt mit zu meinen Onkel“, sagte Nikolaos aufgeregt und sprang auf.
„Und deine Eltern?“ fragte Nick.
Nikolaos stockte.
„Sie sind tot. Vor einem Monat sind sie an der Pest gestorben. Jetzt wohne ich bei meinem Onkel in Myra.“, sagte er leise. „Das Grab meiner Eltern ist dort drüben beim nächsten Baum und ich hatte Sehnsucht, es zu sehen.“
Nick schaute hinüber zu dem knorrigen Baum. Er konnte keinen Grabstein, kein Kreuz erkennen.
„Gibt es kein Kreuz?“ fragte Nick.
„Kreuz!“ Nikolaos machte beinahe einen Luftsprung. Dann blickte er sich vorsichtig um. Kein Mensch war zu sehen.
„Bist du auch ein Christ? Bist du getauft auf Jesus Christus?“ rief er.
„Natürlich, fast jeder ist bei uns daheim ein Christ“, sagte Nick und wunderte sich über Nikolaos Staunen.
„Wirklich?“
„Ja“, Nick zuckte mit den Schultern. Warum machte Nikolaos darüber so viel Aufhebens?
„Du musst mit mir zu meinem Onkel. Er ist einer der Priester. Aber das ist geheim. Der Kaiser Diokletian mag keine Christen.“

Nikolaos zog Nick mit sich die Straße entlang.
„In einer Stunde sind wir in Myra“, sagte er.

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