Adventkalender – 2. Tag

Das Fernrohr

Der Bildschirm war rabenschwarz und blieb rabenschwarz. Nick wartete eine Minute, zwei Minuten. Nach drei Minuten fing er an, mit seinen Fingern wahllos auf der Tastatur herumzudrücken. Das Programm reagierte nicht.
Jetzt ist der Computer abgestürzt, dachte er und hatte ein schlechtes Gewissen. Was würde Vati, sagen, wenn er später nach Hause kam?
Ich könnte einfach den Stecker herausziehen und Stromausfall spielen, überlegte er. Aber das traute er sich dann doch nicht.
Er starrte in zunehmender Verzweiflung auf den Bildschirm. Genau in der Mitte entdeckte er einen kleinen, winzig kleinen, weißen Punkt. Nicht größer als die Spitze eines Bleistiftes. Nick’s Nase näherte sich dem Punkt. Er glitzerte und schimmerte und war, wie Nick sah, nicht gänzlich weiß, sondern oben auch ein wenig blau und unten ein wenig grün. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, um sie so scharf einzustellen, dass er das Farbenmuster erkennen konnte. Das Grün schien ein Flecken Gras zu sein, das Blau ein Stück Himmel und der weiße Streifen könnte eine staubige Landstraße sein. Aber es war alles so winzig klein und so weit entfernt.
Er hatte einmal von der falschen Seite durch ein starkes Fernrohr schauen dürfen. Er hatte seine nackten Füße im Gras auf diese Weise beobachtet und seine Zehen waren beim Durchschauen durch das Fernrohr genauso ins Unendliche gerückt. Je länger er hinschaute, desto weiter fort wirkte das, was er im Punkt sah.
Ich muss das Fernrohr umdrehen, murmelte er. So bald er das gedacht hatte, wurde der Punkt auf einmal riesengroß und rückte so nah heran, dass Nick die Hitze, die vom blauen Himmel herunter brannte, in seinem Nacken spüren konnte. Der Staub von der Landstraße kitzelte in seiner Nase und die Grashalme strichen seine Beine entlang.
Erstaunt blickte Nick sich um.
Er stand wahrhaftig im Gras neben einer Landstraße. Er schaute an sich hinunter. Er trug ein grobes, weißes langes Leinenhemd, das mit einer dicken Schnur um seinen Bauch zusammengehalten wurde. Darunter hatte er eine kurze braune Hose an. Er war bloßfüßig.
„Das gibt es nicht“, sagte Nick laut. „Ich bin in den Punkt geschlüpft.“
Er drehte sich um. Einen Augenblick lang glaubte er weit entfernt am Horizont einen winzigen schimmernden schwarzen Punkt zu sehen. Als er ein zweites Mal hinschaute, war der Punkt verschwunden.
„Wo bin ich und was soll ich nur machen“, dachte Nick und ging auf die Straße zu. Sie war schnurgerade. Nick blickte unschlüssig nach links und dann nach rechts. In welche Richtung sollte er gehen? Sollte er überhaupt gehen? War es nicht besser, sich hinzusetzen und zu warten? Aber warten auf was, oder auf wen?
Erst jetzt bemerkte Nick, dass in sein Hemd an der Innenseite ein kleiner Beutel genäht war. Er steckte seine Finger hinein und holte eine Münze heraus.
Kopf ist links und Zahl ist rechts, entschied er und warf die Münze in einem hohen Bogen in den Staub. Er bückte sich und schaute die Münze näher an. Sie zeigte das Profil eines jungen Mannes, der einen Lorbeerkranz trug. Nick hob die Münze auf. An ihrem Rand waren Buchstaben eingraviert. „Diokletian Caesar“ las Nick.
„Kopf war oben, also links“, sagte er dann und steckte das Geldstück sorgfältig wieder weg.

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