Adventkalender – 17. Tag

Vier Holzschuhe vor dem Kamin

„Seid still“ ermahnte Nick die drei Kinder.
Die älteste, ein Mädchen von kaum sieben Jahren, blickte ihn überrascht an. Zwei Buben, vielleicht fünf und zwei Jahre alt, versteckten sich hinter ihr.
„Wisst ihr denn nicht, dass Sinterclaas heute Nacht zu euch kommen möchte und euch selbst beschenken will, weil er gesehen hat, wie brav ihr gewesen seid?“ sagte Nick und lächelte.
Er hatte einen wunderschönen Plan. Er würde in der Nacht die Spekulatius und auch die paar Münzen, die er am Tag verdient hatte durch das Fenster werfen, so wie Nikolaos es vor langer Zeit gemacht hatte.
„Der große heilige Mann kommt selbst zu uns?“, fragte das Mädchen und schaute ihn mit großen weit aufgerissenen Augen an.
„Ja“, sagte Nick ernst und dachte an den reichen Mann auf dem weißen Schimmel. „Er reitet auf einem weißen Schimmel und er wird…“ Nick stockte. Wie sollte Sinterclaas die Geschenke durch ein Dachbodenfenster werfen? Sein Blick wanderte im Raum herum. Ein paar Truhen, ein roh gezimmerter Tisch mit Bank und Sesseln, zwei Betten, gefüllt mit Stroh und mit ein paar Decken ausgelegt. Neben dem offenen Kamin, in dem die letzten Reste eines Feuers glühten, diente ein Brett an der Wand als Ablage für einige verbeulte Töpfe und ein wenig Geschirr.
Der Kamin! In der Nacht würde bei diesen armen Leuten sicher kein Feuer brennen, dachte Nick erleichtert.
„Er wird seine Geschenke für euch durch den Kamin werfen.“ erklärte Nick.
„Durch den Kamin?“ fragte das Mädchen misstrauisch. „Das geht doch nicht. Sie würden in die Glut fallen, und überhaupt, wie soll der heilige Herr mit seinem Schimmel hinauf auf das hohe Dach kommen?“
Nick überlegte rasend schnell. „Sinterclaas hat Helfer, die klettern für ihn durch den Kamin hinunter, und damit sie die Geschenke nicht in die Glut legen müssen, sollt ihr eure Holzschuhe, die dort in der Ecke neben der Tür stehen, vor dem Kamin aufstellen.“ sagte er dann.
Eifrig eilten die zwei Buben zu ihren Holzschuhen und stellten sie vor dem Kamin. Nur das Mädchen zögerte.
„Vati, das kann doch nicht stimmen. Wie soll Sinterclaas mit einem Pferd auf das Dach kommen?“ fragte sie ihn.
Der Händler blickte über die Köpfe seiner Kinder Nick an. Dieser nickte zuversichtlich zu ihm hinüber.
„Mariechen, glaubst du nicht, dass ein so großer heiliger Mann mit Gottes Hilfe auch auf einem Pferd über die Dächer reiten kann?“ sagte er behutsam. „Wenn ich du wäre, würde ich Vertrauen haben und meinen Schuh zu den Schuhen von Hans und Dirk stellen.“
„Wirklich?“
„Bestimmt. Ich stelle meinen Schuh auch hin“, sagte der Händler mit einem Blick auf Nick.
Bald standen vier Holzschuhe vor dem Kamin, und während der Vater eine Suppe zubereitete und ein Brot in Scheiben schnitt, bestürmten Hans und Dirk Nick mit Fragen.
„Wird Sinterclaas uns Spekulatius aus Spanien bringen?“ Hans hatte immer Hunger.
„Ja.“
„Dann muss er ihn in Spanien kaufen, denn hier am Markt habe ich ihn noch nie gesehen. Das ist bestimmt auch viel billiger“ meinte Dirk praktisch.
„Natürlich kauft er in Spanien ein. Dort gibt es Spekulatius und Orangen in Überfluss. Er lädt sie dann auf sein Schiff und fährt damit nach Amsterdam.“ erklärte Nick.
„Wie heißen seine Helfer?“ fragte Dirk.
„Brahim und Pietro“, sagte Nick, weil es die ersten Namen waren, die ihm einfielen.
„Brahim ist kein Name, aber Pieter klingt schön“, meinte Hans eigensinnig.
„Wie schauen sie aus? Tragen sie bunte Pluderhosen, wie die reichen Leute?“ fragte Dirk.
„Ja, und…“ Nick dachte an den gütigen Brahim „Es sind Morisken und sie kommen jedes Jahr gemeinsam mit Sinterclaas auf dem Schiff aus Spanien.“
„Was sind Morisken?“ fragte nun auch Mariechen neugierig.
„Die Morisken haben eine dunkle sonnengebräunte Haut. Sie kamen aus Afrika und wohnen jetzt mit Sinterclaas gemeinsam in Spanien.“
Die Kinder waren unerschöpflich mit ihren Fragen. Sogar bei der Abendmahlzeit brachten sie vor lauter Neugier kaum einen Bissen hinunter.
„Ab ins Bett“, sagte der Vater, als die Teller endlich leer waren.
„Aber wir wollen aufbleiben und auf Sinterclaas warten“, protestierten die Kinder.

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