Adventkalender – 11. Tag

Das Getreide

Am nächsten Morgen ankerten die Schiffe schwer beschädigt am Pier. Menschen eilten hin und boten ihre Hilfe an. Die Kapitäne versprachen, mit Goldmünzen zu zahlen. Aber das wollten die Bewohner von Myra nicht.
„Gebt uns von eurer Kornladung“, baten sie, „Wir haben keine Vorräte mehr, und bis bei uns die neue Ernte gereift ist, brauchen wir Getreide.“
Die Kapitäne schüttelten den Kopf. „Das Getreide gehört dem Kaiser im Rom. Alle Säcke sind gewogen und gezählt. Wenn auch nur einer fehlt, wird der Kaiser uns streng bestrafen.“ sagten sie.
Die Menschen murrten. Der Kaiser in Rom hatte genug zu Essen. Aß er nicht von goldenen Tellern und lebte er nicht in Überfluss? Vereinzelt hörte man in der Menge Aufrufe, die Schiffsladung mit Gewalt zu nehmen.
Die Kapitäne und die Seeleute verschanzten sich am Pier. Einige zogen ihre Schwerter. Das Getreide gehörte dem Kaiser und sie durften es nicht verkaufen.
Nick bekam Angst. Er bahnte sich einen Weg durch die aufgebrachte Menge und rannte davon. Er wollte nicht sehen, was passierte, wenn die ausgehungerten Menschen versuchen sollten, die Schiffe zu stürmen.
Er flüchtete in eine Seitengasse und stieß beinahe mit Nikolaos zusammen.
„Nikolaos“, rief Nick. „Die Kapitäne wollen das Getreide nicht verkaufen und die Menschen wollen es sich mit Gewalt holen.“
Schon eilte Nikolaos zum Hafen. Nick folgte ihm. Er sah wie die Leute dem Bischof Platz machten. Nikolaos ging auf die Kapitäne zu.
„Wer hat euch denn gestern Nacht in der Not beschützt?“ fragte Nikolaos sie, und seine klare Stimme hallte über den Kai. „Wer hat eure Schiffe trotz aller Schäden sicher in diesen Hafen geführt? War das der Kaiser in Rom oder war das der, der wirklich die Macht hat uns zu helfen und uns zu schützen?“
Die Kapitäne senkten die Köpfe. Der mächtige Kaiser in Rom hatte ihnen gestern nicht helfen können.
„Glaubt ihr denn nicht, dass ihr ebenso auf Gott vertrauen könnt, wenn ihr diesen Menschen hier von eurem Getreide etwas verkauft? Wenn Gott euch vor den Gewalten des Sturmes hat bewahren können, so wird er euch doch auch vor dem Kaiser schützen können.“
Nikolaos Stimme klang so zuversichtlich, dass die Kapitäne ihre Meinung änderten. Sie nahmen die Hilfe der Bewohner an und bezahlten dafür mit Getreide.
„Wenn Bischof Nikolaos nicht gewesen wäre, so hätte dieser Tag für alle schlimm enden können“, hörte Nick die Menschen murmeln.
In den nächsten Tagen half Nick eifrig bei den Reparaturen mit. Als die Arbeit getan war, ging er nochmals zurück auf das größte Schiff. Einer der Seeleute hatte sein Interesse geweckt. Es war ein bärtiger Mann. Er saß in einer Ecke, spielte auf einer Laute und brummte dazu ein Lied.
„Danubio, du meine Heimat“ hörte Nick ihn singen.
Danubio, die Donau, dachte Nick und er sehnte sich auf einmal danach, den grauen großen Fluss wiederzusehen.
Nick beschloss, an Bord des Schiffes zu bleiben. Er versteckte sich hinten beim Heck zwischen Tautrossen. Als das Schiff am späten Nachmittag ablegte, duckte sich Nick hinter der Reling und schaute hinüber zum Pier. Nikolaos stand dort und winkte ihm. Er rief einen Abschiedsgruß.

„Leb wohl und gute Heimreise nach Vindobona“, glaubte Nick zu verstehen.

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