Adventkalender – 9. Dezember

In der Falle

Felix zählte bis tausend und warf bei tausend und eins den Koffer über den Zaun. Bei tausend und dreißig, war er selbst auf der anderen Seite. Bei tausend und dreiunddreißig hatte er den Koffer wieder in der Hand und rannte mit ihm los. Bei tausend und fünfzig umrundete er den Komposthaufen, der sogar jetzt in der Dezemberkälte widerlich roch. Bei tausend und sechzig hörte er ein Bellen. Es klang gefährlich nahe, als ob Müllbergers Hund nicht am Straßenzaun wäre, sondern viel, viel näher war und mit jedem Bellen mit Riesenschritten noch näher kam.
„Oh, Schreck“, dachte Felix und rannte so schnell er konnte Richtung Schuppen.

Im Nachhinein konnte er nicht erzählen, was genau passiert war. Aber plötzlich befand er sich mit dem Koffer im Schuppen, stemmte sein ganzes Gewicht, was nicht groß war, gegen die Tür, während draußen Müllbergers Hund, wie verrückt gegen dieselbe Tür sprang, und so laut und so wütend bellte, dass Felix Angst hatte, dass schon die Schallwellen alleine die Holzbretter der Tür zerbröseln konnten.

Das Bellen und Springen dauerte zum Glück nicht lange. Aber bevor Felix deswegen aufatmen konnte, wurde ihm bewusst, dass das leise Knurren, das er jetzt hörte, etwas andeutete, das noch viel Schrecklicher war. Er verlagerte sein Gewicht lautlos ein wenig nach rechts, sodass er durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Holzlatten spähen konnte. Er sah, wie Müllbergers Hund sich vor der Tür hingelegt hatte. Sein großes Maul mit den Lefzen, von denen der Schaum tropfte, war gut sichtbar, ebenso die Nase und die Ohren, die ständig zuckten, wohl um jede von Felix Bewegungen im Schuppen zu riechen und zu hören. Und aus dem massiven Körper hinter diesem furchterregenden Kopf drang ein Knurren wie vom Motor eines Traktors. Und dieses Knurren sagte Felix nur zu deutlich, dass Müllbergers Hund viel, viel Zeit hatte. Zeit um zu warten, bis Felix irgendwann sein Gewicht von der Tür wegnahm. Und in diesem Augenblick würde die Bestie aufspringen, die Tür aufdrücken und ….
Felix wurde schlecht. Er saß in der Falle. Vielleicht war es am besten, einfach die Tür aufzumachen und sich in sein Schicksal zu fügen, statt Stunden oder Tage lang hier drinnen gefangen zu sein, bis er vor Hunger und Durst zu schwach wurde, um die Tür noch zuzuhalten.

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