Adventkalender – 8. Dezember

Ein Häppchen am Zaun

Als Lotti die Straße erreichte, war sie so außer Atem, dass sie nur mehr bis zum Zaun stolperte und nach den Metallstäben griff.
„Hier bin ich“, keuchte sie durch den Maschendraht hindurch, der hinter den Stäben gespannt war, und hoffte gleichzeitig, dass Felix erst jetzt beim Zählen die Tausend erreichte.
„Hier bin ich“, wiederholte sie lauter, als sie kein verräterisches Rascheln in den Sträuchern, keinen schnaufenden Atem und kein wütendes Gebell hörte.
„Hundi, Hundi, wo bist du?“, rief sie schließlich, als ob Müllbergers Bestie ein Schoßhündchen wäre, das schwanzwedelnd und freudig bellend zu ihr laufen würde, um sich ein Leckerli zustecken und kraulen zu lassen.
Aber hinter dem Zaun blieb alles still, totenstill.
„Du dummer, blöder Hund, wo bist du denn“, brüllte Lotti deshalb wenig später durch den Zaun. „Willst du mich nicht auffressen? Komm schon, du dämlicher Köter! Hier bin ich! Hole mich!“
Lotti hob einen Stock auf und rannte damit am Zaun entlang. Das Geräusch des Stockes, der gegen die Metallstäbe des Zaunes schlug, müsste Müllbergers Hund, sogar wenn er im hintersten Eck des Gartens wäre, hören und rasend machen.
Aber als sie am Ende des Zaunes angelangt und Müllbergers Hund nicht auf der andere Seite mit Schaum vor dem Mund erschienen war, wusste sie, dass etwas Entsetzliches passiert sein musste.
„Vielleicht ist er heute Nachmittag ausnahmsweise drinnen im Haus“, dachte sie. Aber das war so wahrscheinlich wie zu Weihnachten reife Erdbeeren aus dem Garten. Nein, Felix hatte bis tausend gezählt, war mit dem Koffer über den Zaun gestiegen, darauf vertrauend, dass Lotti bereits auf der Straße ein appetitliches Hundehäppchen spielte. Aber Lotti war eben nicht auf der Straße gewesen, sondern vor der Kapelle, und Müllbergers Hund war nicht abgelenkt gewesen, sondern hatte den Eindringling sofort gewittert, war nach hinten gestürmt und hatte Felix geschnappt.

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