Adventkalender – 1. Dezember

Der Kaugummiautomat

Felix wusste, was er wollte. Leider wusste er auch genauso gut, dass seine Mutter das überhaupt nicht wollte. Ein Problem, das sich nur lösen ließ, wenn er seiner Mutter gar nicht erzählte, was er vorhatte. Denn am 23. Dezember wollte er sie unter keinen Umständen verärgern.
„Weißt du“, sagte er zu Lotti, die auf der angezuckerten schmalen Stichstraße zum Bahnhof neben ihm her stapfte, weil sie immer bereit war für ein kleines Abenteuer und weil es im Dorf außer Felix keine anderen Kinder gab, die gleich alt waren.
„Weißt du“, wiederholte Felix mit Nachdruck. Lotti sollte nicht glauben, dass sie ohne triftigen Grund unterwegs zum kleinen Bahnhof waren, der zwei Kilometer vom Dorf entfernt lag. „Mama meint, dass sie ungesund sind, aber das glaube ich eigentlich nicht. Schließlich liegen sie in einem Automaten. Wie sollen da Staub oder Dreck dazu kommen?“
„Das Ablaufdatum“, sagte Lotti. Sie kannte die Argumente von Felix‘ Mama nur allzu gut.
„Ach.“ Felix machte eine lässige Handbewegung. „Damit wird immer so übertrieben. Alles ist viel länger haltbar als das Datum, das darauf geschrieben wird. Und ich habe es berechnet.“
Er zog aus seiner Hosentasche einen zerknüllten Zettel und glättete ihn. „Schau, gehen wir davon aus, dass 200 Kaugummis im Automaten Platz haben. Am Wochenende halten vier Züge. Aus jedem Zug steigen vielleicht fünf Leute. Das sind zwanzig Leute jedes Wochenende. Und wenn nun immer einer von ihnen einen Kaugummi aus dem Automaten zieht, sind das 200 Wochen, also nicht einmal vier Jahre. Und wenn nun zwei Leute jedes Wochenende Kaugummi kaufen, dann dauert es bloß zwei Jahre bis der Automat leer ist. Also so ein Kaugummi muss doch vier Jahre haltbar sein. Die Dinger sind ja nicht gesund. Gesunde Sachen verderben rasch, aber je mehr Zucker, desto länger kann man sie aufbewahren. Verstehst du? Da muss man keine Angst haben.“
Lotti nickte. Dennoch war sie sich nicht so sicher. Vier Jahre waren eine lange Zeit. Vor vier Jahren war sie noch ein Kindergartenkind gewesen. Und außerdem fand sie Felix Berechnung viel zu optimistisch. Aus den zwei Nachmittagszügen am Samstag stiegen nämlich praktische nie Menschen aus. Wer wollte schon die Nacht in einem Dorf verbringen, in dem es kein Gasthaus gab? Und Zelten war im Naturschutzgebiet verboten. Und am Sonntagnachmittag müsste ein Passagier sogar sechs Tage warten, bis ein Zug ihn wieder in die bewohnte Welt zurückbringen konnte. Ja, womöglich stiegen an schönen Wochenenden zwanzig Leute aus den Vormittagszügen, um in den Wäldern rund um das Dorf zu wandern. Aber bei Schlechtwetter fuhren die Züge bestimmt leer hin und leer zurück. Wer wollte schon im Nebel, bei Regen oder Kälte durch ein Hochmoor marschieren? Es konnte also gut sein, dass so ein Kaugummi bereits seit sechs Jahren im Automaten lag oder sieben oder noch länger. Wer weiß, vielleicht war der Kaugummi, den sie bald kauen würde, älter als sie selbst und hatte bereits seit ihrer Geburt darauf gewartet, irgendwann einmal in ihrem Mund zu gelangen.
Sie schluckte. Was, wenn Felix Mutter recht hatte? Dann war es leichtfertig einen solch uralten Kaugummi am Bahnhof zu kaufen. Hunderte Bläschen auf der Zunge und Zähne, die rasend schnell verrotten würden, wenn sie mit dieser Süßigkeit in Berührung kamen. Oder die Wangen schwollen an, bis man Hamsterbacken hätte, die wie Säcke links und rechts neben dem Mund herunterhingen. Felix Mutter hatte ihnen die möglichen Folgen drastisch genug geschildert.
Sie warf einen raschen Blick auf Felix. Musste er auch daran denken? Aber er stapfte entschlossen weiter. Sie hatten jetzt die scharfe Rechtskurve erreicht, nach der die Straße noch einige hundert Meter parallel zum Schienenstrang verlief, bis sie am Bahnhof endete.

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